Whataboutismus

 

20.02.2021

 

Gestern vor einem Jahr, am 19. Februar 2020, wurden in Hanau neun Menschen von einem Täter mit rechtsextremistischem Hintergrund ermordet, weil er sie als fremd, als nicht zugehörig zu seiner idealisierten Gesellschaft las. Ich habe mich nicht zu dem schrecklichen Verbrechen geäußert. Genauso habe ich zu der Mordserie des sogenannten NSU, dem Anschlag auf den Breitscheidplatz, dem Terror in Syrien, in Afghanistan, im Irak, in Mali, Somalia und all den anderen Schauplätzen massiver Gewalt geschwiegen.

 

Warum? Mir fehlen die Worte ob solcher Grausamkeit. Ich kann nicht einmal in Gedanken fassen, was ich fühle. Mein menschliches Sein reicht dafür nicht aus. Der Druck, der sich auf meine Brust, die Trauer, die sich auf mein Herz legt, kann mein Verstand nicht umsetzen. Ich habe nicht einmal Tränen, weil ich weiß, dass sie nicht zu stoppen sind. Nein, es gibt nichts, was diesen Schmerz fassen lässt. Da ist nur das stille Mitgefühl mit den Opfern und ihren Angehörigen. Manchmal ist Schweigen alles, was bleibt.

 

Am gestrigen Jahrestag der Morde in Hanau war die Anteilnahme, die Erinnerung an verschiedenen Stätten in Deutschland, aber auch in den sozialen Netzwerken groß. Es ist wichtig zu erinnern, es ist wichtig, die Abscheulichkeit der Tat – auch wenn es wehtut – immer wieder vor Augen zu halten, und auch die Opfer nicht zu vergessen – als Mahnmal dessen, was wir in unserer Mitte zugelassen haben.

 

Wenn ich aber lese, was denn im Vergleich zu Hanau mit dem Gedenken des Terroranschlages auf dem Breitscheidplatz sei, bei dem am 19. Dezember 2016 elf Besucher getötet und Dutzende verletzt wurden, dann platzt mir – mit Verlaub – der Kragen!

 

Ich verstehe, dass uns die Worte fehlen, dass wir Gefühle nicht oder nur schwer artikulieren können. Aber ist Whataboutismus wirklich das adäquate Mittel, von der eigenen Unzulänglichkeit abzulenken?

 

Das Fatale: Whataboutismus banalisiert. Er wiegt Opfer verbrecherischer Taten gegeneinander auf. Sind elf Tote schlimmer als neun Tote? (Genau genommen herrscht Gleichstand; der Mörder von Hanau erschoss auch seine Mutter und sich selbst.) Hier zeigt sich das Absurde eines solchen Vergleichs. Nicht der Mörder steht im Vordergrund, nicht das Aufwiegen der Taten oder der Ermordeten, wer schlimmer war und wer am schlimmsten. Komparative und erst recht Superlative haben hier nichts verloren. Im Fokus steht, dass Menschen durch niederste (vielleicht doch mal ein Superlativ) Beweggründe ihr Leben geraubt wurde! Dass unsere Gesellschaft, unser Zusammenleben, unsere Gemeinsamkeit getroffen wurde! Dass Menschen aus unserer Mitte herausgerissen und aufgrund eingebildeter zugeschriebener Merkmale als nicht lebenswert erachtet wurden! Er verhöhnt die Toten.

 

Whataboutismus legitimiert die Täter. Er adelt das Verbrechen und verleiht ihnen die Gewissheit, Gutes zu tun, Rache zu üben, ihre Welt, ihr Weltbild gegen die vermeintlich Fremden, die Eindringlinge zu verteidigen. Whataboutismus spaltet und stiftet schlimmstenfalls zu weiteren Morden an: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

 

Whataboutismus erscheint häufig als Beißreflex derer, die sich weder mit Tätern noch mit Opfern identifizieren wollen. Die Opfer kommen aus unserer Gesellschaft, aus unserer Mitte, sie leben unter uns, mit uns, sind Freunde, Familie, Söhne oder Töchter.

Es ist völlig egal, aus welcher Richtung Terror kommt, ob von rechts, links oder religiös ideologisiert: Terror ist Terror ist Terror. Wir mögen nicht schuld sein am Terrorakt, aber wir alle tragen die Verantwortung dafür. Wir tragen die Verantwortung, dass alle Menschen mit ihren individuellen Merkmalen in unserer Gesellschaft akzeptiert werden, dass Herkunft oder Aussehen nicht über Zugehörigkeit bestimmen dürfen, dass jeder einen Platz in der Gemeinschaft findet und nichts und niemand das Recht hat, uns zu trennen. Auch Whataboutismus darf uns nicht spalten. Kein Terrorist, Attentäter oder Mörder kann seine Verbrechen legitimieren, sich das Recht herausnehmen, über Zugehörigkeit, über Leben oder Tod zu bestimmen. Und wenn uns diese gesellschaftliche Antwort zu groß ist, wir hilflos der schier unendlichen Herausforderung gegenüberstehen, dann fangen wir doch bei uns selbst an. Indem wir einfach schweigen. Aber um Himmels Willen nicht nach anderen Ausdrucksformen für unsere menschliche Unzulänglichkeit suchen.

 

Dieser Text hat kein Ende. Keine weisen Worte. Keinen Ausklang. Ich beende ihn mit der Sprachlosigkeit, die mich beherrscht. Es ist das Schweigen in mir, das meine Fassungslosigkeit herausschreit. Es gibt manchmal keine Worte. Und wenn es sie gäbe, reichten sie niemals aus.