Martin Luther und der Islam

Das Islambild, das Martin Luther zeichnete und der Nachwelt hinterließ, war alles andere als positiv. Luther setzte Muslime gleich mit dem leibhaftigen Satan, von dem sie besessen seien und in dessen Namen sie die Welt eroberten.

Doch wie war das Weltbild zu Lebzeiten Luthers? Welche Ereignisse konnten ihn beeinflussen? Ist sein Islamverständnis als neutral zu betrachten?

 

Martin Luther lebte im Wechsel zweier Epochen, die in der Geschichtswissenschaft als "Mittelalter" und "Neuzeit" bezeichnet werden. Luthers Wirken wird aufgrund seines Reformationswillens kirchlicher Institutionen mithin als einer der Gründe für den Epochenwechsel bezeichnet.

Luther selbst wusste davon allerdings noch nichts. Er sah die Zustände seiner Zeit und erkannte das unerbittliche Wirken einer kirchlichen Allmacht im Namen der Religion. Ablasshandel zum Freikaufen der Seelen aus dem ewigen Fegefeuer war das Geschäftsmodell jener Zeit - vor allem in Anbetracht des stets bevorstehenden Weltunterganges.

Die Angst vor dem Weltuntergang war tatsächlich allgegenwärtig, zumal eine bis dato nahezu unbekannte und schwer einzuschätzende Gefahr drohte: die Türken vor Wien. Die "Türken" galten als Synonym für Muslime - zumal das Osmanische Reich seit 1517 den Übergang des Kalifates von den Abbasiden auf den Sultan reklamierte.

Nun mag Luther definitiv zur Bildungselite seiner Zeit gehört haben. Trotzdem - oder gerade deswegen - ist sein Türkenbild geprägt vom Wissensstand des ausgehenden Mittelalters. Es ist Luther zu Gute zu halten, dass er alles daran setzte, sich mit der unbekannten Bedrohung auseinanderzusetzten. Er versuchte, einer Koranübersetzung habhaft zu werden, was ihm schließlich auch gelang: es handelte sich um eine zweihundert Jahre alte Teilübersetzung, stark geprägt von ihrem Verfasser. Luthers Interpretation jenes Koranausschnittes war demzufolge - zumal davon auszugehen ist, dass ihm jegliches zur Koranexegese zwingend erforderliches Hintergrundwissen fehlte - dementsprechend düster. In seinen zahlreichen Schriften und Tischreden verbreitete er eben jenes Bild.

Es ist hervorzuheben, dass die Menschheit im 16. Jahrhundert im beständigen Gedanken des memento mori lebte. Der Untergang der Welt stand unmittelbar bevor und mit der Gefahr der Türken im Herzen des Abendlandes schien er endlich gekommen.

 

Die Gefahr wurde abgewendet und die Welt dreht sich immer noch. Die permanente Angst vor dem Weltuntergang ist spätestens seit dem Ende des Kalten Krieges aus unserem Bewusstsein geschwunden. Was allerdings blieb, ist das lutherische Narrativ der "muslimischen Gefahr".

 

Vieles in unserem Weltbild und unserem Verständnis hat sich in den letzten fünfhundert Jahren entwickelt. Muslime bedrohen nicht mehr das Herz des Abendlandes, sie leben seit Jahrzehnten mit uns und unter uns. Trotzdem hängen wir nach wie vor dem Narrativ Martin Luthers an. Bisweilen wird es wieder als bevorstehende "Islamisierung des Abendlandes" überzeichnet.

Fünfhundert Jahre, die wir uns der Entwicklung, des Fortschrittes und der Entdeckung der Welt rühmen. Ein halbes Jahrtausend, in dem wir die Aufklärung, das Heraustreten des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, für uns beanspruchen. Wir halten uns für modern, wissend und gebildet. Und trotzdem hängen wir einem Narrativ an, dessen historischen Kontext wir längst vergessen haben. Ist es nicht an der Zeit, auch endlich dieses letzte mittelalterliche Relikt über Bord zu werfen?